Holocaust oder Schoah in meiner Familie

Auch, wenn es in unserer Familie nie Thema war, habe ich als Rentner Zeit gefunden, mich mit der Abstammungsgeschichte meiner Familie

zu beschäftigen. Da komme ich an einem Thema nicht vorbei: meinen jüdischen Vorfahren. Zwar hat sich mein Opa Max für die Hochzeit mit meiner
Oma Helene Elsbeth 1910 evangelisch taufen lassen. Er ist dennoch in Auschwitz ermordet worden.
Und ich wurde evangelisch erzogen, habe also keinen Bezug zum jüdischen Glauben.

Der Personensuche beim  Gedenkbuch: Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945
kann ich folgende Informationen entnehmen:

20 Menschen mit dem Namen Bragenheim wurden unter den Nazis ermordet.
Jetzt leben in Deutschland noch 11 Menschen mit meinem Nachnamen und zwei Ehefrauen mit Doppelnamen.
Es wurden also mehr Personen umgebracht als heute noch leben.


"Dieses Buch enthält Namen. Die Namen der jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger, die im Herrschaftsgebiet des Deutschen Reiches
in der Zeit des Nationalsozialismus umgebracht wurden. Hinter jedem dieser Namen steht ein einmaliges Menschenleben, das willkürlich
ausgelöscht wurde. Im Holocaust sollten aber die Juden Deutschlands und Europas nicht nur vernichtet werden; auch die Namen sollten ausgelöscht sein,
die Erinnerung an sie sollte unmöglich werden. So genau und präzise die Such- und Verhaftungslisten waren - das Konzentrationslager verwandelte die
Namen in Nummern, der Mord selbst geschah anonym; Namen und Biographie sollten mit dem Leben zugleich ausgelöscht werden,
verwandelt in Asche und Rauch.

Dieses Gedenkbuch gibt den Ermordeten ihren Namen und damit ihre Menschenwürde wieder.
Es ist zugleich ein Denkmal und eine Erinnerung daran, dass jedes einzelne Menschenleben einen Namen und eine einzigartige Geschichte hat." 

Gemäß diesem Vorwort vom damaligen Bundespräsidenten Horst Köhler möchte ich einigen Namen wieder etwas Würde zurückgeben!

Schade, dass ich Euch nie kennenlernen durfte!

Obwohl die Nazis sehr buchhalterisch vorgegangen sind und viele Schicksale deshalb genau nachvollzogen werden können, haben sie doch großen
Wert auf die Anonymisierung der Opfer gelegt. Deshalb kann ich bei zwei Frauen nicht feststellen, wer ihre Ehepartner waren, die ihnen den Nachnamen gaben.
Das sind Agnes Amalie Bragenheim (geb. Meyer) *04.08.1879 in Lübeck. Am 15.07.1942 wurde sie nach Theresienstadt deportiert,
wo sie am 10.02.1943 im Ghetto starb.
Außerdem Ella (auch Elsa) Bragenheim (geb. Davidsohn) *13.03.1885 in Stavenhagen. Am 16.07.1942 wurde sie aus Berlin nach Theresienstadt deportiert,
wo sie am 11.03. 1943 im Ghetto starb. Diese Daten zeigen eine ziemliche Parallele, die auf eine gemeinsame Liste hinweisen könnte.

Zur Namensverwirrung bei mir trägt Max Bragenheim bei, der aber nur zufällig den gleichen Vornamen wie mein Großvater aufweist.
Dieser Max soll (lt .online-ofb.de) Trauzeuge 1910 bei Willi Davidsohn und Else Meyer gewesen sein. War er der Ehemann von Ella geb Davidsohn und Schwager von Agnes?
Dieser Max wurde am 21.09.1875 in Schwerin geboren und am 16.07.1942 von Berlin nach Theresienstadt deportiert, wo er am 29.01.1944 im Ghetto
gestorben sein soll.
Aus den Arolsen-Archiven.
Nach meinen Informationen wurde er zusätzlich für tot erklärt. Das könnte dazu geführt haben, dass das Schicksal meines Opas
ursprünglich unklar war. Mal finde ich, dass er in Theresienstadt starb und mal, dass er nach Auschwitz verlegt wurde.
Bei meinen Recherchen habe ich keine Person gefunden, der ich diese Daten zuordnen konnte.
Aber im Arolsen-Archiv gibt es eine Deportationskarte, die belegt, dass Max und Ella verheiratet waren



Damit komme ich zu meinem Großvater Max Bragenheim. Er wurde am 27.02.1880 in Bützow geboren und als Eisenbahner quer durch Deutschland versetzt,
weshalb seine vier Kinder unterschiedliche Geburtsorte haben. Meinen Onkel und die beiden Tanten habe ich noch lebendig erleben dürfen.
Am 11.01.1944 wurde er in Hannover von seiner Arbeitsstelle weg verhaftet und nach Theresienstadt deportiert.
Quelle: Arolsen-Archive
Lt. Liste wurde er dann am 28.10.1944 nach Auschwitz verlegt. Nach dem Krieg ließen ihn seine Kinder für tot erklären. Mehr Details sind nicht zu erfahren.
Seine Frau, also meine Großmutter Helene Elsbeth Bragenheim (geb Löer) * 30. 03.1884 in Salzwedel starb etwa 1940 an einem Schlaganfall.
Trotzdem möchte ich beide auf dieser Seiter wieder vereinen!


Wir dürfen nicht vergessen, dass Opa sich über Konventionen hinwegsetzte und die Religion seiner geliebten Frau übernahm.
Das hat ihn zwar bei den anderen Bragenheims zu einem "Geächteten" gemacht, aber es ermöglichte erst, dass seine Kinder die Juden-Ausrottung überlebten
- wenn auch trotz zahlreicher Repressalien! Erst dadurch konnten wir existieren. Ihm selbst nützte es leider nicht.

Auch ganze Familien wurden ermordet.
Als erstes greife ich Albert Bragenheim heraus. Er wurde am 09.08.1879 in Neukalen geboren. Vom 10. bis zum 11.11.1938 war er in Rostock
inhaftiert, um dann bis zum 17.11. nach Altstrelitz verlegt zu werden. Unter welchem Vorwand er ins Zuchthaus gesteckt wurde, ist mir nicht bekannt.
Am 10.07.1942 wurde er ins Durchgangslager Ludwigslust eingewiesen, um dann am 11.06.1942 nach Auschwitz deportiert zu werden,
wo er unverzüglich ermordet wurde.
Das gleiche Schicksal erlitt seine Frau Selma Bragenheim (geb. Bonheim) *12.07.1889 in Schwerin. Auch sie wurde am 11.07.1942 aus Ludwigslust
nach Auschwitz deportiert.
Deren Sohn Hans Bragenheim emigrierte als John H. erfolgreich in die USA, wo ich bei einem Miami-Urlaub die Witwe von Hans Bragenheim besuchen konnte,
weil er postalisch den Kontakt zu meinem Vater aufrecht erhielt.
Die Tochter von John H. und Milli übermittelte uns folgendes Bild:   

Auch Schwester Charlotte ist emigriert und 1986 als Frau Guthmann in Dallas gestorben.

Als ich 2017 in Rostock war, gab es die noch nicht: Jetzt wurden in Rostock Stolpersteine zum Gedenken verlegt.
Stolpersteine sind ein Projekt von Gunter Demnig, der seit 1992 diese Gedenksteine zur Erinnerung an Opfer aus der Zeit des
Nationalsozialismus verlegt. Mir sind folgende Stolpersteine für Familienmitglieder bekannt:

Stolpersteine für Albert und Selma Bragenheim


Margarete Liebmann, geb. Bragenheim
Im Gedenkbuch findet man sie nur, wenn man die Suche unter Geburtsnamen aktiviert, aber es gibt unter obigem Link viele Informationen zu ihrer verzweifelten Lage.

 Bildquelle

Aus den Arolsen-Archiven hab ich ihre Sterbeurkunde und die bereits angefertigte Deportatationskarteikarte.

Anmerkung: ich habe Informationen gefunden, nach denen sie einem anderen Familienzweig zuzuordnen sei (Schwester von Dr. Erich.)
In diesem Text  und bei .online-ofb.de wird sie dagegen als Schwester meines Opas beschrieben. Diesen Widerspruch konnte ich nicht auflösen!

Weitere Stolpersteine gibt es hier in Hamburg. (Mehr Informationen zu meiner Familie gibt es demnächst nach meinem Hamburg-Aufenthalt - geplant im
Frühling 2020) Mein "Berliner" war in Hamburg und stellte mir diese Fotos zur Verfügung:

Martin Bragenheim *19.02.1882 in Güstrow. Am 23.02.1940 wurde er in Brandenburg im Rahmen der Euthasie (Aktion T4) probeweise mit
Kohlenstoffmonoxid (CO) vergiftet. Weitere Informationen dazu können hier nachgelesen werden. (Die Seite ist dank Corona noch provisorisch)

Erna Jitte Bragenheim *25.09.1876 Güstrow. Schwester von Martin und Richard, zusammen mit ihren Eltern nach Hamburg verzogen.
Sie wurde am 25.10.1941 nach Lodz ins Ghetto deportiert.

(Richard und die Eltern verstarben vor der Verfolgungswelle, nur
Richards Frau Erna (geb Blumenthal) * 28.01.1888 in Berlin wurde am 25.10.1941 nach Litzmannstadt (Lodz) ins Vernichtungslager
Kulmhof (Chelmo) deportiert. (Foto vom Stolperstein in HH folgt noch!)

Den Irrsinn dieses Rassenwahns spiegelt Dr. Erich Bragenheim wieder: Für Ärzte bestand im zweiten Weltkrieg gerade in Berlin sicher genug Bedarf.
Erich Kurt Bragenheim wurde am 21.06.1896 in Bromberg/Posen geboren. Trotz des Bedarfs wurde er am 04.08.1943 nach Theresienstadt
und von da am 19.10.1944 nach Auschwitz verlegt. Mit Geduld kann hier seine Geschichte nachvollzogen werden
Über die Geschichte seiner Lebenspartnerin hat Anke Gebert den Roman "Wo Du nicht bist" (Pendragon Verlag) verfasst.
Auf Anregung des Verlags und der Autorin soll 2020 in Berlin Charlottenburg am Kurfürstendamm 141 (Wohnsitz von Erich Bragenheim)
von Gunter Demnig ein Stolperstein für Erich Bragenheim verlegt werden.

Informationen und Bildquelle

Zwei Familien Bragenheim wurden komplett vernichtet:
Willy Bragenheim *08.05.1888 in Neukalen wurde am 17.03.1943 zuerst nach Theresienstadt und dann nach Auschwitz verlegt.
Seine Frau Bertha Bragenheim (geb. Thiele) *30.10.1898 Berlin wurde am 04.03.1943 nach Auschwitz deportiert.
Auch ihre Söhne Horst Bragenheim* 27.12.1922 Berlin und
Gerd Bragenheim *15.01.1926 Berlin wurden am 04.03.1943 nach Auschwitz deportiert. Von Horst ist als Todesdatum der 20.04.1944 feststellbar.

Das waren aber noch nicht die jüngsten Bragenheims, die ermordet wurden!
Oskar Asriel Bragenheim *07.03.1891 Güstrow wurde am 19.10.nach Riga deportiert, wo er am 22.10.1942 im Ghetto umkam.
Seine Frau Charlotte Bragenheim (geb Abraham) *29.11.1897 wurde am 19.10.1942 nach Riga verschleppt,
wo sie am 22.10. 1942 ermordet wurde.
Ihre Söhne Ernst Bragenheim *03.08.1924 in Berlin (starb 1943 in Auschwitz)

(Er wurde zunächst in Hangelsberg für die Forstwirtschaft eingesetzt und später nach Auschwitz deportiert.
Von 1942 gibt es in den Arolsen-Archiven einen Brief, in dem gegen den Abzug der Juden protestiert wurde. Offensichtlich ergebnislos.)
und Klaus Bragenheim * 29.04.1929 in Berlin blieben von der Verfolgung nicht verschont.
Selbst der 13-jährige Klaus wurde am 19.10.1942 nach Riga deportiert, wo er am 22.10.1942 umkam.

Als Abschluss sei noch Henriette Louise Jachid Cohn (geb. Bragenheim) * 09. 05. 1897 Güstrow erwähnt.
Sie hatte
Hugo Cohn * 09.05.1857 Güstrow geheiratet und ist mit ihm nach Berlin verzogen.
Sie wurde am 03. März 1943, von Berlin nach Auschwitz
deportiert. Ihr Mann ist am 30.01. 1943 in Theresienstadt gestorben.
Bisher hatte ich nur herausgefunden, dass beide ein unbenanntes Kind hatten, das  am 16.01. 1895 in Berlin geboren ist.
Meine Angaben beliefen sich darauf, dass der Junge in Schirwindt/Ostpreußen gestorben sei. (das ist der erste Ort, der von den Russen erobert wurde.)
Da in der Datei auch ein Hugo Cohn aufgeführt ist, der an diesem Datum geboren ist, vermute ich, dass es sich um deren Sohn handelt.
Dann wurde er am 03. 03. 1943  nach Auschwitz deportiert und am 30. 07 1943 nach Natzweiler (Elsass) ins Konzentrationslager verlegt.
Als Todesdatum wird der: 17./19.08.1943 angegeben.

Weitere, im Gedenkbuch nicht erwähnte Opfer der Familie Bragenheim

Anke Gebert beschreibt in ihrem Buch über Dr. Erich Bragenheim, dass dessen Bruder, sie benannte ihn als Martin (ich kann keinen Bruder dieses Namens nachweisen)
aus Verzweiflung über seine Situation Suizid begangen habe. Auch wenn dieser Suizid nicht, wie bei Margarete Liebmann, in Zusammenhang mit einer Deportation steht,
ist er doch durch die Nürnberger Gesetze zu begreifen!
Martins Bruder Paul starb am 12.01.1940 in Sachsenberg. Nach seinen Aufenthalten in mehreren "Irrenanstalten" ist nichts Näheres über die Todesumstände zu erfahren.
Einen Verdacht passend zu 1940 habe ich schon. Immerhin gab es eine "Heil- und Pflegeanstalt Sachsenberg" auf dem Sachsenberg in Schwerin,
die ebenfalls T-4 Aktionen durchführte.....

Die Arolsen-Archive geben weitere Hinweise auf Opfer der Nazis
Quelle


Kein Opfer, aber die Bezirksverordnete von Berlin, Mitte Selma Sophia Bragenheim geb.Kregel

hat die Anfrage nach Henri Bragenheim, geb. am 21.09.1882 in Berlin (Vater: Wolf (Wilhelm Israel) Bragenheim 1844, Mutter: Franziska Blitz 1843)
gestartet und ihn (vermutlich) nach dieser Antwort für tot erklären lassen. Mir ist nicht klar, warum er nicht unter den Auschwitz-Opfern aufgeführt wird!

Ruht Bragenheim geb Kaever:


Dieser Deportationskarte kann man nicht viel entnehmen. Ich habe nicht herausgefunden, wer der Ehemann dieser Frau war und woran genau sie gestorben ist.
Ich kenne nur diese Daten: geboren am 7.08.1906, gestorben am 13.12.1941,
 Jewish Cemetery of Bendorf-Sayn, Bendorf, Landkreis Mayen-Koblenz, Grabstelle 418

Besonders makaber ist für mich aber diese Karteikarte

Es handelt sich dabei um Hans Bragenheim, geb am 15.11.1886 in Güstrow Vater: Isidor Bragenheim geb. am 12.9.1861 und Mutter: Recha Israel geb. am 26.5.1867.
Hans ist gestorben: am 8.1.1943 Berlin (unklar woran!),
Ehepartnerin war Johanna Sara Kabaker geb. am 04.05.1884 in Berlin, geheiratet am 09.09.1913 in Neukölln, II Scheidung am 09.06.1926, Berlin (Landgericht II),
Sie wanderte zusammen mit ihrer Tochter Käthe Freida Feibel erfolgreich nach Elsternwick, Victoria in Australien aus.
Isidor Bragenheim und seine zweite Frau Recha sind die Eltern von Dr. Erich Bragenheim. Hans Bragenheim war also Halbbruder von Dr. Erich Bragenheim
und lebte ebenfalls in Berlin.